Katja Diehl im Gespräch mit hvv switch.

Lesedauer 3 Min.

Eine Sichtweise auf die Mobilität von heute und morgen.

Die Autorin und Mobility-Influencerin Katja Diehl hat den Hashtag #autokorrektur zu einem Forum gemacht für alle, die Fortbewegung jenseits vom Auto denken. Wir haben die Wahlhamburgerin für ein Gespräch getroffen.

hvv switch: Was ist die Mission „Autokorrektur“?

Katja: Grundsätzlich vorab – ich hasse Autos nicht, aber ich möchte, dass das Auto endlich wieder ein Mobilitätsmittel von vielen ist. Heute bin ich zu Besuch auf dem Land – es gibt hier weder adäquate Alternativen zum Auto noch Rad- oder Fußwege. Autokorrektur ist die Korrektur von unserem gesellschaftlichen Fokus auf das Auto. Ich möchte, dass jeder Mensch ein Leben ohne eigenes Auto führen kann. Ein wichtiger Effekt der „Autokorrektur“ ist, dass die Räume wieder echte Lebensqualität gewinnen. Aktuell vergeben wir unglaublich viel Raum an dieses Blech, das einmal geparkt null Nutzen hat. Wir sehen den Nutzen, aber er ist fiktiv – denn in dem Moment, wo das Auto geparkt ist ,steht es allen im Weg und nimmt Raum für so viele alternative Nutzungen von Spielplatz bis Begegnungsort.

hvv switch: Was kennzeichnet denn Automobilität unter allen Mobilitäten?

Katja: Automobilität wälzt nach Flugmobilität vermutlich am meisten Lasten auf andere Menschen ab. Jedes Auto beansprucht 100 qm Platz haben Studien herausgefunden, weil es immer mehrere Parkplätze hat – bei der Arbeit, zu Hause, Supermarkt usw. Das Auto macht Lärm, Emissionen, Mikroplastik, alles Dinge, die ein nachhaltiger Nachteil sind. Der Push zur Veränderung den wir heute erleben, kommt aus der Klimakrise, aber „Autokorrektur“ kommt für mich eigentlich aus dem Gerechtigkeitsgedanken. Am Anfang vieler Interviews, die ich für mein Buch mit diversen Menschen führte, stand die Ausgangsfrage: „Willst du, oder musst du Autofahren?“ Viele Leute, die heute im Auto sitzen haben keine Wahl – sie müssen Autofahren. Es fehlen Radwege, es fehlen alternativen Verbindungen, es fehlen sichere Räume. Diesen Zustand find ich nicht sehr demokratisch. Es ist eine Form von Zwangsmobilität.

Alle Menschen sollten frei sein, zu entscheiden, wie sie mobil sein wollen.

Wenn ich im ländlichen Raum nicht ohne Auto mobil sein kann, verlieren wir 13 Millionen Leute als potentielle Bürger dort – denn 13 Millionen Menschen in Deutschland haben keinen Führerschein. Das ist eine Dysfunktion, die es zu beheben gilt.

hvv switch: Welchen „Autokorrektur“-Fakt sollten alle Hamburger*innen kennen?

Katja: Die Elektrifizierung von Dienstwagen würde Pkw-Emissionen um 30% senken – Dienstwagen und gewerblich zugelassene Fahrzeuge verantworten für 75% des CO2 aller Neuwagen.

hvv switch: Wo beginnt für dich die Mobilitätswende heute, 2022?

Katja: Jenseits der Randgebiete gibt es in Hamburg diverse Stadtteile, die mit guten Alternativen versorgt sind, aber trotzdem gibt’s immer noch viele Autos. Das liegt an vielen Dingen. Teilweise sind Parkplätze immer noch kostenfrei. Bei mir in Emsbüttel stehen z.B. Wohnmobile mit Kajaks auf dem Dach, es gibt viel Platz für Hobby-Mobilität. Warum nicht auf bewachten Parkplätzen vor der Stadt? Ein nicht funktionierendes Auto darf laut Straßenverkehrsordnung in der Stadt stehen – aber ein nicht funktionierendes Sofa?

Der ganze Stadtraum richtet sich exklusiv am Auto, nicht an den Menschen aus.

Das müssen wir ändern, indem wir Autoabstellflächen zurückbauen, indem wir die Leute in die Parkhäuser leiten, die oftmals kaum ausgelastet sind. Hier könnte man auch andere Mobilität und Lademöglichkeit anbieten.

Ein Blick zurück nach vorn. Städte in Deutschland und Europa haben das Glück, dass sie lange vor dem Auto entstanden und einmal gesund waren. Einige amerikanische und asiatische Städte sind teilweise erst nach dem Auto entstanden und haben sehr lange Distanzen. Wir hingegen haben alle Möglichkeiten unsere Städte wieder zurückzubauen zu den Begegnungsorten, die sie einst waren. Und wie geht das? Es beginnt damit Gleichberechtigung zu schaffen – warum ist ein Mensch im Auto wichtiger als ein Mensch zu Fuß oder mit dem Rad? Warum sehe ich keine Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder Kindern?

Eigentlich sollte in einer Straße das stattfinden, was Spiegel der Gesellschaft ist. Es sollte alle Gruppen zu sehen sein – und das ist aktuell nicht der Fall. Das zeigt, wie dysfunktional Stadtraum durch Automobilität heute ist.

hvv switch: Wieviel Zukunftspotential steckt in der Mobilität von Hamburg? Wo siehst du welche Defizite in der Hamburger Mobilität?

Charlotte Schreiber, Katja Diehl, She drives Mobility, Autokorrektur, hvv switch, Hamburg, Carsharing, Ridesharing, Bikesharing, Scootersharing, MOIA, MILES Mobility, SIXT share, TIER Mobility, hvv, PayPal, American Express, Mastercard, VisaKatja: Viel Potential! Eben weil unsere Städte nie für den „American Way of drive“ gebaut wurden, wissen wir: es ging ja mal anders. Für die Defizite denk ich gern an Kay, der seit 20 Jahren im Rollstuhl unterwegs ist. Er merkt seinen Rollstuhl gar nicht – bis zu dem Punkt, wo er den öffentlichen Nah- und Fernverkehr nutzen will. Den ICE muss er zwei Wochen im Voraus buchen, er wird am Reisetag in einer erniedrigenden Prozedur über einen Hublift in den Zug gehievt. Selbst die neue ICE-Generation lässt ebenerdige Zugänge vermissen, anders als in der österreichischen Bundesbahn. Ich verstehe einfach nicht, warum wir im Jahr 2022 den gesetzlich geforderten ÖPNV Anspruch auf 100%ige Barrierefreiheit nicht schaffen umzusetzen – offenbar wird das Thema immer noch nicht ausreichend ernst genommen? Daher fährt MOIA z.B. auch seit drei Jahren immer noch ohne Transportoption für Rollstuhlfahrer*innen. Kay hat einen simplen, aber wahren Spruch geprägt: „Von Anfang an für alle.“ Wenn wir Mobilität von Anfang an für alle denken, also für Kinder, für Senior*innen, für Menschen mit bestimmten Einschränkungen, dann hat auch immer die Mehrheitsgesellschaft was davon. Selbst ich, mit meinem Faltrad, merk wie beschwerlich es mitunter sein kann.

Hamburg verfügt bereits über viele Angebote, die ich mir auch für die Randgebiete wünsche: Scooter, On-Demand -und Leihradsysteme schließen im suburbanen und ländlichen Raum als Zubringersysteme zu S-und U-Bahn Mobilitätslücken – und liefern einen Anreiz den Zweit- und Drittwagen abzuschaffen. Kommunal verankerte Angebote sind für mich immer eine Bereicherung, weil sie diese nicht nur als ein Geschäftsmodell sehen, sondern als Teil der Daseinsvorsorge begreifen.

hvv switch: Warum fällt uns als Bevölkerung die Mobilitätswende so schwer?

Katja: Wir verzichten auf gute Luft, auf Ruhe, auf gesunde Stadtbezirke, wo ich alles an Nahversorgung finde, was ich zu Fuß gehen kann. Dieser Verzicht ist uns aber nicht gewahr.

Die Mobilität ist sicherlich die größte Routine im Leben.

Der Mensch ist bestrebt, sehr wenig Gehirntätigkeit zu tätigen, weil das Gehirn 40% mitunter unseres Kalorienbedarfs nutzt. Wenn wir einmal in der Routine sind, ist es also schwer auszusteigen. Wenn das Auto so bequem bleibt, wie es gerade gemacht wird, dann steigt niemand aus dem Auto aus. Selbst wenn es 1000 Alternativen gibt. Wenn wir aber den Parkraum reduzieren und vielleicht auch ein Wertesystem entwickeln, wo Familienzeit über Parksuchverkehren steht, dann verändert sich was. Wir müssen uns als Gesellschaft neue Werte geben. Diese Hektik, ist die noch erstrebenswert? Was soll die 40 Stunden Woche? Es gibt viele Sachen, die es wert sind zu hinterfragen und die jede für sich einen wichtigen Beitrag liefern können, dass sich auch unsere Mobilität verändert.

hvv switch: Welche Städte sind praktische und mit Hamburg vergleichbare Leitbilder für eine gelingende Mobilitätswende?

Katja: Weltweit experimentieren Städte mit der „15 Minuten-Stadt“, aber Anne Hidalgo hat sie für Paris nun als offizielles Entwicklungsziel ausgerufen. Sie hat nicht nur die Seine für Autos sperren lassen, sondern die Metropole weiträumig in eine Tempo-30-Zone verwandelt. Paris ist auf dem besten Weg sich in ein Amsterdam zu verwandeln, wer hätte das gedacht? In London will Sadiq Khan bis 2030 das Autoaufkommen um 30% reduzieren. Das sind alles konkrete Ziele – in Hamburg wie in Deutschland vermeiden wir die Festlegung solcher Ziele. In Hamburg sind wir trotzdem auf einem guten Weg – mit Anjes Tjarks haben wir ja einen Senator, der die Mobilitätswende in der Jobbeschreibung hat. Er geht offen mit den Herausforderungen um, und sagt klar, dass das Auto zukünftig seine Privilegien verlieren wird. Dennoch wäre die Veränderung noch ungleich spürbarer, wenn die gesamte Binnen-und Außenalster autofrei sein würde. 700 Meter am Jungfernstieg sind ein anerkennswerter Anfang, aber das Gefühl von Freiheit bleibt dort immer noch begrenzt als Radfahrer.

Paris und London sind zwei Städte, die für mich einen beispielhaften Willen zur Mobilitätswende vorleben.

hvv switch: Welche Innovationen wünschst du dir für den ÖPNV?

Katja: Mobilität muss zusammengedacht werden. Es existieren in unserer Welt heute noch zu viele Königreiche, die alle ihre Inseln regieren. In Berlin haben Kund*innen heute die Auswahl zwischen 34 Mobility Apps. Entscheidung und Einsatz bleibt den Menschen überlassen. Inmitten dieser Kakophonie ist es superwichtig, dass wir alle Angebote sichtbar und auffindbar machen – eben wir auf einer Plattform wie hvv switch. Der hvv und die Hochbahn haben ein großes Vertrauen – Anbieter vom privaten Sektor können davon nur nutznießen. Ich glaube, dass Plattformen wie hvv switch Menschen anziehen und zusammenbringen, die etwas verändern wollen. Das ist für mich die schönste Innovation – im System UND kundenzentriert zu denken. Und dazu gehören Führungskräfte, die Lust an der Zusammenarbeit haben, die Kernkompetenzen bündeln und gemeinsam siloübergreifend was Starkes erzeugen wollen.

hvv switch: Warum ist das Thema Frauen und Mobilität so wichtig?

Katja: Männer hören es nicht gerne, aber Nachkriegsdeutschland wurde von Männern aufgebaut – seit den 50er Jahren hat die sogenannte Ernährermobilität begonnen, die immer mehr im Automobil stattgefunden hat. Also der Hin- und Zurückweg von der Arbeit nach Hause, während die Frauen, die Sorgearbeit machten, eher Wegeketten haben. Dafür sind auch ÖPNV Netze nicht ausgerichtet – die funktionieren meist immer sternförmig zentriert auf einen Punkt wie Hauptbahnhof o.ä. Hier wäre es wichtig zu ermöglichen, dass der Wechsel auch zwischen den Verkehrsträgern möglich ist – dass z.B. der Weg zum Job mit Kindern anders dargestellt wird als der Weg zurück ohne Kinder, aber mit Einkauf. Das ist eher weibliche Mobilität, wie die Pandemie gezeigt hat. Frauen haben eher das Homeschooling übernommen, Arbeitszeiten verkürzt, um das alles zu stemmen.

Die Schieflage in vielen Bereichen Gesellschaft spiegelt sich auch in der Mobilität. Da wäre es gut, wenn diejenigen, die Sorgearbeit machen nicht, dass sie sie Wege auch öffentlich zurücklegen können.

hvv switch: Gestalten Frauen Mobilität anders als Männer?

Katja: Frauen wählen ganz andere Formen von Mobilität – das zeigt sich ganz vordergründig bei Autokäufen. Sie wählen kleinere und funktionale Autos. 80% der Dienstwagen werden von Männern gefahren – das ist auch ein Spiegel von gender pay gap. Die Mobilität, sie ist vorwiegend immer noch männlich.


Charlotte Schreiber, Katja Diehl, She drives Mobility, Autokorrektur, hvv switch, Hamburg, Carsharing, Ridesharing, Bikesharing, Scootersharing, MOIA, MILES Mobility, SIXT share, TIER Mobility, hvv, PayPal, American Express, Mastercard, VisaKatja Diehl - Mobility Influencerin, Autorin und Teil von #womeninmobility

Die Mobilitätswende ist ihr Antrieb. Katja Diehl hat den Hashtag #autokorrektur zum Forum gemacht für alle, die die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, ändern wollen. Mit ihrem Buch „Autokorrektur: Mobilität für eine lebenswerte Welt“ eroberte die Wahlhamburgerin direkt die Bestseller-Listen. Nach 15 Jahren in verschiedenen Funktionen in der Mobilitäts- und Logistikbranche setzt sie sich heute als unabhängige Stimme für einen Systemwandel in der Mobilität ein. Sie hostet den Podcast „SheDrivesMobility“, sitzt im Beirat der österreichischen Klimaschutzministerin und berät den Verkehrsminister von Baden-Württemberg.

In Hamburg gründete Katja Diehl die Vertretung für die „Women in Mobility“ und engagiert sich im Bundesvorstand des Verkehrsclub Deutschland e. V. Für ihre Arbeit hat sie diverse Auszeichnungen erhalten, darunter etwa „100 Frauen des Jahres“ (FOCUS) und „25 LinkedIn Top Voices“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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