Vanessa Baldé

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Frühmorgens erstrahlt die Sportanlage „Jahnkampfbahn“ in hellem freundlichen Licht. Die Sonne lässt die Tartanbahn, auf der sich hier in der Regel Sportler*innen abmühen freundlich und milde erscheinen. Hier treffen wir Vanessa Baldé, eine junge Leichtathletin des HSV und begleiten sie durch ihren Tag. Im Gespräch offenbart sie ihren Umgang mit Corona, der ihr teilweise neue Perspektiven eröffnet hat. Aber auch Home Schooling und Rassismus beschäftigen sie.

hvv switch: Du wirst bald 18. Wie hattest du dir ursprünglich deine Geburtstagsfeier vorgestellt?

Vanessa: Mein Traum war es, ein schönes Kleid zu tragen und mit meiner ganzen Familie und meinen Freund*innen meinen 18. Geburtstag zu feiern, so wie es meine große Schwester gemacht hat. Aufgrund der Corona-Pandemie klappt das aber leider nicht. Ich hoffe, dass sich die Lage bis zum Sommer etwas verbessert, damit ich immerhin mit rund zehn Leuten feiern kann. Die aktuellen Entwicklungen stimmen mich allerdings etwas pessimistisch, dass das möglich sein wird.

hvv switch: Wie hast du den Lockdown erlebt?

Vanessa: Ich habe mich weiterentwickelt. Zu Beginn des ersten Lockdowns war ich noch sehr entspannt und dachte, dass das alles nach zwei Wochen vorbei sein würde. Der Lockdown dauerte aber immer länger und länger und ich konnte nur noch selten meine Freund*innen sehen. Das hat mich zum Nachdenken angeregt, ich war oft draußen spazieren und habe viel mit meiner Familie unternommen.

Ich blicke einerseits positiv auf den Lockdown zurück, da ich neue Dinge und auch mich selbst neu entdecken konnte, andererseits haben ich und viele andere dadurch Chancen verpasst.

hvv switch: In deinem Alter muss so ein Lockdown besonders frustrierend sein.

Vanessa: Meine Teenager-Jahre habe ich mir natürlich etwas anders ausgemalt. Ich hatte mir vorgestellt, auf Partys zu gehen, neue Leute kennenzulernen oder zu reisen. Zumindest über die verschiedenen Social-Media-Plattformen war es aber zum Glück weiterhin möglich, sich mit anderen auszutauschen.

hvv switch: Wie kommst du mit dem Home Schooling zurecht?

Vanessa: Anfangs war es sehr stressig und unorganisiert und unsere Lehrer*innen haben uns jede Menge Aufgaben für zu Hause gegeben, weil sie anfangs überhaupt nicht einschätzen konnten, was wir zu Hause schaffen können. Im Laufe der Zeit habe ich angefangen, mir To-Do-Listen für meine Wochengestaltung zu schreiben, sodass ich Training, Schule und alles andere unter einen Hut bekomme, um weder das eine noch das andere zu vernachlässigen. Wenn der Schulstress aber mal doch zu viel wurde, konnten wir uns als Klasse an unsere Lehrer*innen wenden und eine gemeinsame Lösung finden. Dadurch ist das Home Schooling inzwischen viel besser und organisierter geworden.

hvv switch: Wie lief das Leichtathletiktraining während des Lockdowns ab?

Vanessa: Zu Beginn der Lockdowns waren meine Eltern dagegen, dass ich trainieren gehe und wollten, dass ich zu Hause bleibe. Mit den zunehmenden Lockerungen durfte ich aber wieder zum Training gehen, worauf ich mich immer sehr gefreut habe, weil ich dort wieder meine Freund*innen sehen und das machen konnte, was mir Spaß macht. Zu Hause konnte ich mich hauptsächlich nur mit der Schule und anderen langweiligen Dingen beschäftigen, aber im Training habe ich mich frei gefühlt und konnte mit meinen Freund*innen Spaß haben, obwohl wir die Abstandsregeln sehr streng einhalten mussten. Trotzdem hat es jedes Mal wieder Spaß gemacht und ich habe mich auf das Training gefreut, weil es zum Alltag mit dem Home Schooling eine gute Abwechslung war.

hvv switch: Wie lange betreibst du schon Leichtathletik?

Vanessa: Mit der Leichtathletik habe ich mit 13 Jahren angefangen, zuerst aber nur zum Spaß. Mein Sportlehrer hat mich damals dazu motiviert, Leichtathletin zu werden und ein bisschen widerwillig habe ich das schließlich umgesetzt. Irgendwann hat es sich aber so entwickelt, dass ich die Leichtathletik ernster nehmen wollte. Zu dieser Zeit hatte ich noch einmal in der Woche Training, bis ich vor zwei Jahren zum HSV gewechselt bin, wo ich dann richtig gefordert wurde. Dort dauerte das Training auch nicht nur eine Stunde, sondern zwei bis zweieinhalb und das vier- bis fünfmal die Woche. Zusätzlich trainiere ich an einem weiteren Tag zu Hause Dinge, in welchen ich noch Verbesserungspotential habe. Derzeit baue ich zum Beispiel meine Bachmuskeln weiter auf.

hvv switch: Im Gegensatz zu Hobbysportler*innen dürft ihr derzeit auch in der Gruppe trainieren. Wie sieht solch ein Training aus?

Vanessa: Es ist ein großes Glück, dass wir zusammen in der Gruppe trainieren dürfen. Wir sind sehr leistungsorientiert und fokussieren uns auf größere Wettkämpfe, wie zum Beispiel die Deutschen Meisterschaften oder die Norddeutschen Meisterschaften. Im Vergleich zu Hobbyathlet*innen ist unser Training allerdings auch viel regelmäßiger und intensiver.

hvv switch: Was ist dein Ziel als Leichtathletin?

Vanessa: Ich schaue einfach mal, wie es für mich als Leichtathletin weitergeht und gebe im Training immer hundert Prozent. Letztes Jahr hatte ich glücklicherweise die Chance, bei den Deutschen Meisterschaften teilzunehmen, was damals mein Ziel war. Jetzt möchte ich aber eine noch bessere Platzierung erreichen und es unter die Top 8 schaffen. Das ist ein sehr hoch gestecktes Ziel.

Ich trainiere hart und viel und deswegen glaube ich, dass ich meine Ziele auch irgendwann erreichen kann.

hvv switch: Motiviert und pusht du und deine Freundinnen euch gegenseitig im Training oder ist jeder auf sich selbst fokussiert?

Vanessa: In unserer Gruppe sind wir vier bis fünf Mädels und bewegen uns alle ungefähr auf demselben Niveau. Also pushen und motivieren wir uns im Training auch immer gegenseitig. Wir sind zwar Freundinnen, aber wenn es darauf ankommt, will natürlich jede schneller sein als die andere und gewinnen. Wenn wir gegeneinander laufen müssen, legen wir wirklich für einen kurzen Moment unsere Freundschaft beiseite und machen unser Ding, aber am Ende freuen wir uns füreinander, egal wer von uns schneller war. Das ist richtig schön.

hvv switch: Obwohl du erfolgreiche Leichtathletin bist, ist dein Berufswunsch aber ein anderer, stimmt das?

Vanessa: Ich möchte Medizin studieren und Kinderärztin werden. Derzeit scheint das für mich zwar nicht sehr realistisch zu sein, aber ich bin zuversichtlich und ich denke, dass ich das schaffen werden, wenn ich mich dafür anstrenge und lerne. Ich möchte einen Beruf ausüben, der nicht langweilig ist und bei dem ich nicht nur im Büro sitzen muss, sondern etwas erleben und aktiv sein kann. Und als Ärztin ist jeder Tag aufs Neue aufregend.

Falls ich es schaffe, Ärztin zu werden, möchte ich vor allem den Menschen in Guinea-Bissau helfen. Guinea-Bissau ist im Vergleich mit Deutschland stark unterentwickelt und hat kein funktionierendes Gesundheitssystem, weshalb dort Menschen schon aufgrund leichter Krankheiten sterben und das ist sehr schade.

Meine Eltern kommen selber aus Guinea-Bissau und sind nach Deutschland gekommen, um für uns und sie selbst ein besseres Leben zu ermöglichen. Guinea-Bissau ist ein wunderschönes Land, in dem ich sicherlich glücklich sein könnte und deshalb würde ich den Menschen dort als Ärztin gerne Gesundheit geben, damit auch sie glücklich sein können.

hvv switch: Hattest du diesen Berufswunsch nachdem du die Umstände in Guinea-Bissau gesehen hast oder bestand er schon vorher?

Vanessa: Ich möchte Ärztin werden seitdem ich ein Kind war, fand den Beruf schon immer sehr cool. Mit zunehmendem Alter habe ich aber zum Beispiel auf Social-Media-Plattformen gesehen, wie Menschen verhungern oder an einfachen Erkältungen sterben. Darüber habe ich viel nachgedacht und für mich festgestellt, dass ich das ändern möchte und dass es den Menschen dort gut geht. Nicht nur in Guinea-Bissau, sondern auch in anderen Ländern, die nicht über die Mittel wie Deutschland verfügen. Hier in Deutschland muss man sich keine Sorgen um einfachere Krankheiten machen, weil man zum Arzt gehen und sich behandeln lassen kann. In Guinea-Bissau ist das nicht so und man muss um sein Leben fürchten, wenn man krank ist.

Ich möchte Menschen helfen, weil ich mit vielen Menschen aufgewachsen bin und es mir Spaß bereitet, Leute glücklich zu machen und ihnen zu helfen.

hvv switch: Weißt du noch mehr über die Auswanderung deiner Eltern und warum sie gerade nach Deutschland gekommen sind?

Vanessa: Meine Eltern sind in Guinea-Bissau geboren und aufgewachsen. Zuerst kam mein Vater hierher – warum gerade Deutschland, weiß ich nicht – und später folgte dann auch meine Mutter. Hier haben sie zusammen Deutsch gelernt und ihr Leben aufgebaut. Sie hatten anfangs nicht viel, mussten viel arbeiten und bekamen in der darauffolgenden Zeit meine große Schwester. So ist schließlich unsere Familie entstanden. Meine Eltern haben aus ganz wenig ganz viel geschaffen, sind in ein fremdes Land gegangen, um sich etwas aufzubauen. Das finde ich sehr schön und bewundernswert. So konnten wir heute gesund, glücklich und eine große, schöne Familie werden.

hvv switch: Wie denkst du über Billstedt?

Vanessa: Viele Menschen haben eine schlechte Meinung von Billstedt und denken, dass hier nur Kriminelle leben. In Billstedt aufzuwachsen, fand ich sehr schön, weil sich hier jeder untereinander kennt und die Menschen freundlich sind. Natürlich gibt es aber auch welche, die weniger nett sind. Aber das ist doch überall so.

Nur weil man einmal irgendwo eine schlechte Erfahrung gemacht hat, sollte man daraus nicht direkt auf den gesamten Stadtteil und die Menschen, die dort aufgewachsen sind, schließen. Billstedt ist ein Teil von mir, ich habe meine gesamte Kindheit hier verbracht und viele Dinge erlebt. Früher war es mir peinlich zu sagen, dass ich aus Billstedt komme, weil ich dachte, dass ich dann direkt für einen schlechteren Menschen oder für asozial gehalten werde. Die Leute hier sind aber nicht asozial, sondern sehr nett, grüßen und sind vor allem sehr offen.

In Billstedt gibt es viele Häuser, Familien, Spielplätze und Grünflächen, was man woanders nicht unbedingt immer so findet. Hier ist es bunt, jeder ist anders, es gibt viele verschiedene Nationalitäten und das finde ich schön und nicht so langweilig.

hvv switch: Wie waren deine bisherigen Erfahrungen mit Rassismus?

Vanessa: Natürlich war es nie sehr schön, Rassismus zu erfahren und ich hatte dadurch Selbstzweifel und habe mich gefragt, ob ich wirklich so bin, wie die Leute über mich gesprochen haben. In der Schule haben mich zum Beispiel die anderen aufgrund meiner Hautfarbe gefragt, ob ich verbrannt wurde, was sich für mich sehr komisch angefühlt hat. Ich habe angefangen, zu hinterfragen, warum ich schwarz bin und keine langen, blonden Haare und blauen Augen wie meine Freundinnen habe.

Meine Eltern sagten mir aber immer, dass ich nicht auf solche Menschen höre solle, da diese Leute mit sich selbst Probleme haben. Sie sagten, dass ich schön sei wie ich bin und auch dank meiner großen Schwester habe ich es geschafft, mich selbst zu lieben. Heute kann ich sagen, dass ich schön bin, wozu ich früher nicht fähig war. Meine Haare hielt ich damals beispielsweise nicht für schön, aber heute finde ich es toll, dass ich mit ihnen machen kann, was ich will. Jetzt liebe ich meine Haare, denn sie sind ein Teil von mir.

hvv switch: Wie denkst du über Deutschland?

Vanessa: Deutschland ist ein offenes Land, denn hier leben so viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, was ich toll finde, aber trotzdem gibt es immer noch Leute, die an der Vergangenheit festhalten. Auf Wettkämpfen in Schwerin oder Dresden fürchte ich manchmal auch rassistisch beleidigt zu werden. Zum Glück wurde mir aber noch nie von einer erwachsenen Person gesagt, dass ich zum Beispiel in mein Land zurückgehen soll, jedoch haben Freund*innen von mir schon solche Erfahrungen gemacht.

hvv switch: Wie denkst du in diesem Zusammenhang speziell über Hamburg?

Vanessa: Hier in Hamburg werde ich nicht doof angesehen, weil es so viele verschiedene Menschen und Hauttöne gibt. In Hamburg wird es nie langweilig und es gibt immer etwas zu erleben. Hamburg ist bunt, ich liebe Hamburg.

Hamburg ist total offen und ich liebe die Stadt über alles. Hier fühle ich mich richtig wohl. In Hamburg habe ich das Gefühl, zu Hause zu sein wie nirgendwo sonst.

hvv switch: Wie empfindest du es, wenn du gefragt wirst, woher du kommst?

Vanessa: Wenn ich gefragt werde, woher ich komme antworte ich, dass ich aus Deutschland bin. Dann aber wollen die Leute wissen, woher ich „wirklich“ komme. Das ist sehr traurig, denn ich komme aus Deutschland, wurde hier geboren und habe alles hier. Meistens wollen die Menschen wissen, woher meine Eltern kommen und wo meine Wurzeln liegen. Die Frage, woher ich komme, sollte aber überhaupt nicht relevant sein. Wenn jemand meine Freundin oder mein Freund sein will, sollte es egal sein, woher ich komme, ob ich in Deutschland geboren wurde oder erst später hierhergekommen bin. Aus diesem Grund finde ich diese Frage ein wenig blöd, wenn die Leute wissen möchten, woher ich „wirklich“ komme, denn ich komme aus Deutschland und Hamburg.

Jedes Mal, wenn ich mich bei jemandem vorgestellt habe, hatte ich Bedenken, dass mich die Leute aufgrund meiner Hautfarbe diskriminieren würden.

hvv switch: Was denkst du über die Black-Lives-Matter-Bewegung?

Vanessa: Ich habe schon an einigen Black-Lives-Matter-Demos zusammen mit meinen Freund*innen und Geschwistern in Hamburg teilgenommen und halte die Bewegung für eine gute Sache. In anderen Ländern zeigt sich der Rassismus noch viel stärker als hier in Deutschland, wie zum Beispiel in den USA, wo schwarze Menschen oft grundlos von der Polizei oder rassistischen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe beleidigt und angegriffen werden. Deshalb befürworte ich es sehr, dass die Leute auf die Straße gehen, dagegen ein Statement setzen und solches Verhalten verurteilen. Viele Menschen sehen außerdem bei Rassismus weg, weil es sie nicht interessiert. Zwar kann ich nicht aus der Sicht einer weißen Person sprechen, jedoch passiert es nicht, dass diese Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Deswegen ist es sehr wichtig, auf die Demos zu gehen und die Leute dazu aufzufordern, nicht wegzusehen. Rassismus war noch nie weg, war schon immer da und ist immer noch hier.

hvv switch: Wo ist dein Lieblingsort in Hamburg und wie bewegst du dich durch die Stadt?

Vanessa: An sonnigen Tagen gehe ich sehr gerne mit meiner Schwester oder meinen Freund*innen in die HafenCity. An der HafenCity gefällt mir besonders die moderne Architektur, man ist dort nah am Wasser und abends, wenn die Sonne untergeht, sieht alles richtig schön aus. Wir sind dann gerne mit dem Fahrrad unterwegs, holen uns etwas zu essen und sehen uns die HafenCity an. Die Stimmung ist immer sehr entspannt, man kann das Wasser hören und einfach abschalten. Ich fühle mich dort richtig wohl und kann für einen Moment den Schulstress und Leistungsdruck vergessen.

hvv switch: Was bedeutet für dich der Begriff „Freiheit“?

Vanessa: Dinge machen zu können, die mir Spaß machen. Wenn ich anziehen kann, was ich möchte. Wenn ich einfach sein kann, ich es gerne möchte. Freiheit ist für mich, überall hinzugehen, ohne Angst zu haben, dass irgendetwas passiert. Freiheit ist ein sehr großer Begriff, denn jeder definiert Freiheit anders. Für einige Leute ist Freiheit eventuell schon, nur rausgehen zu können. Freiheit ist für mich, rausgehen und mein Leben genießen zu können, ohne irgendwelche Bedenken.

Freiheit ist für mich, wenn ich ich selbst sein kann.

hvv switch: Hat sich für dich der Begriff „Freiheit“ während der Corona-Pandemie verändert?

Vanessa: Während des Lockdowns finden natürlich häufig Kontrollen bezüglich der Maskenpflicht oder der Ausgangssperre statt, aber dem stehe ich auf jeden Fall positiv gegenüber. Trotzdem habe ich mich zunächst zu Hause gefangen gefühlt, aber ich habe Wege gefunden, aus dieser Einengung auszubrechen. Jetzt gehe ich beispielsweise oft spazieren, was ich früher nie gemacht habe. Dabei habe ich auch mein Viertel besser erkundet, weil ich davor auf dem Weg zur Schule oder zum Training immer dieselben Wege genommen habe. Die Möglichkeiten, die sich uns trotz des Lockdowns bieten, habe ich also zuerst unterschätzt und kann mich jetzt auch so frei fühlen.