Cities for Future

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Öffentlichen Raum nachhaltig gestalten.

Wir treffen Lars und Kai Zimmermann, die Köpfe hinter „CITIES FOR FUTURE“ ­– ein interdisziplinäres Team, das Architektur, Wirtschaftswissenschaft und stadtplanerische Expertise smart bündelt, um Städte und Gemeinden klimaneutral und lebenswert zu gestalten. Die Mission ist klar – es geht um nichts weniger als Rückeroberung der Stadt für den Menschen.

hvv switch: Warum habt ihr „CITIES FOR FUTURE“ gegründet?

Lars: Es gab einen richtigen Heureka Moment – das war meine Rückkehr aus den Niederlanden nach Deutschland. Nach meinem Architekturstudium und fast zehn Jahren Auslandserfahrung, war es für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Unsere Raumnutzung, unser Mobilitätsverhalten, das ganze Lebensgefühl in der Stadt wird bei uns immer noch vom Auto dominiert. Ich fühlte mich wie 30-40 Jahre zurückgeworfen in der Zeit.

Kai: Bei „CITIES FOR FUTURE“ geht es aber nicht nur um eine neue Mobilität – die Stadt wird mit all ihren Playern von Bürgern über Handel, Wirtschaft und Logistik ganzheitlich betrachtet, um den öffentlichen Raum nachhaltig umzugestalten.

hvv switch: Was sind die historischen Gründe für diese Entwicklung?

Kai: Hamburg teilt wie viele Städte in Deutschland eine schwere Hypothek – die zweifache Zerstörung der Stadt. Auf die Bomben des Luftkriegs folgten die Abrissbirnen der 50er und 60er Jahre. Es setzte sich in Deutschland der „American Way of Drive“ durch. Die gesamte Stadt- und Abrissplanung richtete sich an einem Parameter aus – der Automobilität. Das Resultat ist ein zerschnittener Stadtraum, viele verbaute Flächen, wenig Raum für Leben. Das ist ein asphaltiertes Erbe, das wir nur schrittweise abtragen können.

hvv switch: Welche Masterpläne gibt es für die lebenswerte Stadt der Zukunft?

Kai: Die Entwicklung von Stadt und Mobilität geht Hand in Hand. Konzepte wie eine Stadt der kurzen Wege, die „15 Minuten Stadt“, liefern gute Orientierungspunkte. Um sie zu erreichen, spielt der ÖPNV eine zentrale Rolle. Barrierefrei, maximal einfach zu nutzen, mit Transportmitteln und einer stationären Infrastruktur, die Spaß bringen. Multimodal, gender- und generationengerecht sind für uns wichtige Parameter für seine Weiterentwicklung.

Lars: Im Juli war ich bei der Präsentation des Ideenzugs dabei. Die Deutsche Bahn hat mit diesem Konzept-Zug einen spannenden Ausblick in die S- und Regionalbahn der Zukunft gegeben. Das Ziel ist klar: wesentlich mehr Menschen sollen und werden in Zukunft die Bahn nutzen können. Mehr Komfort und Flexibilität mit beispielsweise alternativen Sitzplatzkonfigurationen oder Plätzen für mobiles Arbeiten waren hierbei ein sehr reales Zukunftsszenario.

hvv switch: Wann beginnt die Zukunft für uns?

Kai: Um Mobilität zukunftsweisend zu gestalten, müssen wir nicht erst auf technologische Innovationen warten. Von Flugtaxis ganz zu schweigen, diese sind sicher vieles, nur nicht die Antwort auf unsere festgefahrene Mobilität am Boden. Über gezielte Interventionen im Stadtraum hier und heute lassen sich ganz einfach neue Wege und Welten eröffnen. Dazu zählen in Hamburg beispielsweise der autofreie Jungfernstieg, die sehr attraktiven Fahrradstraßen am Alsterufer , die Initiative „freiRaum Ottensen“ oder das Konzept „Superbüttel“ in Hamburg Eimsbüttel – inspiriert von den Superblocks aus Barcelona.

hvv switch: Was ist so super an Superbüttel?

Lars: Dass es konkret wird. Lebendige Visualisierungen sensibilisieren. Sie liefern Schaufenster und Referenzen, um gedanklich umzuparken. Doch mit Superbüttel zeigen wir konkret, dass es auch anders geht.

Die Mobilitätswende wird anschaubar.

Die Straße ist ein öffentlicher Raum, der allen zur Verfügung steht, aber heute zu einem einzigen großen Parkplatz verkommen ist. Für Autos, die im Schnitt mehr als 23 Stunden ungenutzt herumstehen. Gemeinsam mit der Initiative KURS FAHRRADSTADT verwandeln wir Eimsbüttel in ein großes Open Air Wohnzimmer. Die Gemeinschaft der Anwohnenden erfährt ein Upgrade und die Lebensqualität wird substanziell verbessert. Wesentliche Kriterien dafür sind unter anderem mehr Grün- und Aufenthaltsflächen, das Vermeiden von Durchgangsverkehr durch Einbahnstraßenregelungen, eine Tempodrosselung auf 10km/h und Sharing- und Mobilitätsstationen wie hvv switch.

hvv switch: Eine Mobilitätswende ist immer auch eine Verhaltenswende – in welchen Zeiträumen lassen sich unsere Verhaltensmuster ändern?

Lars: Schaut nach Paris! Die Stadt ist eine echte politische Inspiration. Die Pariser Stadtverwaltung zeigt heute, wie schnell sich komplexe Transformationsprozesse umsetzen lassen, wenn nur der politische Wille da ist.

Kai: Die Bürgermeisterin Anne Hidalgo verwandelte die Stadt in eine 30er Zone – über Nacht. Alles ist möglich. Nicht umsonst kommt vom kanadischen Politikwissenschaftler Benjamin Barber der smarte Satz: „Lasst die Bürgermeister die Welt regieren.“ Immerhin haben wir in Hamburg heute einen Senator, der die Mobilitätswende im Ressortnamen führt. Das ist schon eine Ansage.

hvv switch: Für den Ideenzug hattet ihr innenarchitektonische Konzepte angeschaut – welche architektonischen Innovationen wünscht ihr euch für den Nahverkehr im öffentlichen Raum in Hamburg?

Kai: Der Hamburg Takt wird die Wartezeiten bereits auf ein Minimum verkürzen – doch wir glauben, dass sich die Bahnhöfe und ihre vielen Warteräume attraktiver gestalten und intelligenter nutzen lassen. In den Niederlanden steht beispielsweise auf vielen Bahnhöfen ein Klavier und lädt jeden zum Spielen ein. In London gibt es Spielbühnen für Straßenkünstler und Nachwuchsbands oder in Seoul Flächen für Vertical Farming. Der Fantasie für temporäre Nutzungen sind keine Grenzen gesetzt. Zeit für einen Ideenwettbewerb, oder?